Erziehung

Berühmter „Marshmallow-Test“ entpuppt sich als falsch

Ungeduld bei Kindern sagt doch nichts über den späteren beruflichen Erfolg aus. /Bild: Fotolia
Berühmter „Marshmallow-Test“ entpuppt sich als falsch
Trixi Kouba

Der „Marshmallow-Test“ ist einer der bekanntesten psychologischen Tests, um anhand von Belohnungen über den späteren Erfolg eines Kindes zu urteilen. Forscher wiederholten das Experiment letzte Woche und meinen: Es gibt gar keinen signifikanten Zusammenhang zwischen der Selbstdisziplin des Kindes und späterem Erfolg.

Mit Willensstärke zum zweiten Marshmallow

Ein vierjähriges Kind sitzt vor einem Marshmallow. Ein zweites Marshmallow liegt in Sichtweite. Die Aufgabe: Wartet das Kind 10 Minuten bis der Forscher wieder den Raum betritt, darf es beide Süßigkeiten essen. Kann es nicht so lange warten und langt gleich zu, verliert es den Anspruch auf seine Belohnung in Form des zweiten Marshmallows. Mit diesem berühmten Experiment in den 1960er Jahren meinte Walter Mischel, Psychologe der Stanford University, damals zeigen zu können, dass selbstdisziplinierte Kinder später beruflich erfolgreicher, seltener drogenabhängig sein würden und bessere Partnerschaften führen könnten. Denn eine Folgestudie in den 1990er Jahren von Mischel und seinen Kollegen demonstrierten eindeutige Ergebnisse: Die Drei- bis Fünfjährigen, die damals beim ersten Experiment Willensstärke zeigten, besaßen im Jugendalter fortgeschrittene Fähigkeiten in ihrer Intelligenz und ihrem Verhalten. Die geduldigen Kleinkinder könnten eher Versuchungen widerstehen, wären weniger leicht abzulenken, wenn sie sich konzentrieren müssen, intelligenter, selbstbewusster und selbstständiger. Die Studie beeinflusste Generationen von Eltern und Pädagogen. Doch die neuste Untersuchung relativiert die Ergebnisse. Mischels damaligem Experiment sei ein Fehler unterlaufen.

Keine Sorge bei Ungeduld

marshmallow

Die neuste Studie von Tyler Watts, Greg Duncan und Hoanan Quen, welche im Psychological Science publiziert wurde, fand heraus, dass geduldigere Kinder tatsächlich später von bestimmten Vorteilen profitieren. Doch die Wirkung sei nicht annähernd so signifikant, wie sie damals von Mischel dargestellt wurde und würde sogar gänzlich im Alter von 15 Jahren verschwinden. Sie meinen: Der Marshmallow-Test aus den 60er Jahren hätte den Bildungshintergrund der Familie nicht ausreichend beachtet. Mischel und seine Kollegen hätten ausschließlich Kinder untersucht, deren Eltern an der Stanford Universität beschäftigt waren. In einem Interview mit The Guardian erklärte Watts: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass wenn man einmal den Hintergrund eines Kindes und dessen Umwelt miteinbezieht, Unterschiede in der Fähigkeit, auf Belohnungen zu warten, nicht unbedingt großartige Unterschiede im späteren Leben macht“. Ihr Rat ist demnach: Eltern sollten sich keine Sorgen machen, wenn ihr Kind mit dem Verspeisen von Süßigkeiten nicht warten kann und sofort nach dem Marshmallow greift.

Geduld ist wandelbar

Im neusten Marshmallow-Test durften die teilnehmenden Kinder ihre Süßigkeiten selbst aussuchen. Dieses Mal wurden 900 Kinder untersucht, wobei 500 Mütter ohne höheren Bildungsabschluss hatten, um ein diverseres Bild zu erzielen. Das überraschendste Ergebnis war, dass die Verbindung zwischen Willensstärke des Kindes und späterem Verhalten in der neusten Studie nicht wieder aufgezeigt werden konnte. Das würde laut den Forschern zeigen, dass die Fähigkeit zu Geduld und Selbstkontrolle möglicherweise keine stabile Charaktereigenschaft ist und sich im Laufe des Lebens verändert.