Partnerschaft

Beziehung: Ein Plädoyer für kleine Geheimnisse in der Partnerschaft

Muss man in einer Beziehung ALLES mit seinem Partner teilen?/ Bild: Fotolia
Beziehung: Ein Plädoyer für kleine Geheimnisse in der Partnerschaft
Paulin Klärner

Geheimnisse als DAS Geheimnis einer guten Beziehung? Können kleine Geheimnisse in der Partnerschaft dazu beitragen, dass man sich selbst treu bleibt, ein Stückchen „Ich“ im gemeinsamen „Wir“ behält, sich durch diese Abgrenzung freier fühlt und dem Partner wiederum leichter näher kommen kann?  Manche Paartherapeuten raten dazu, Seitensprünge für sich zu behalten, andere predigen schonungslose Ehrlichkeit als das A und O einer funktionierenden Partnerschaft. Doch von den Extremen (wie Untreue) abgesehen – schaden kleine, alltägliche Geheimnisse wirklich dem Miteinander und wo zieht man die Grenze?

Gefährliche Geheimnisse

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Grundsätzlich gilt in einer Beziehung, wie auch innerhalb der Familie und in Freundschaften: Geheimnisse, die die psychische und/oder körperliche Gesundheit eines Menschen gefährden, sind keine tolerablen Geheimnisse. Geht es um seelische oder körperliche Gewalt, Sucht, Krankheit und Co ist Offenheit ein absolutes Muss, um sich selbst und/oder einer anderen betroffenen Person helfen zu können. Und auch wenn es um starke, gemeinsame Werte – wie etwa Treue in einer Beziehung – geht, währt Ehrlichkeit wohl in den meisten Fällen am längsten. Doch was ist mit den „kleinen“ Geheimnissen des Alltags? Müssen in einer Beziehung wirklich ALLE Karten auf den Tisch gelegt werden?

Alles zu teilen kann das Gegenüber überfordern

Geht es um Ex-Partner, Oberflächlichkeiten, Sex und Co ist es manchmal ratsam, Dinge für sich zu behalten. Möchte man beispielsweisenach nach 5 Jahren Beziehung darüber sprechen, dass man sich im ersten Jahr nicht ganz sicher war, ob diese Partnerschaft wirklich „das Wahre“ ist, kann dies das Gegenüber in eine riesige Krise stürzen. Und wofür? Nur der „Ehrlichkeit“ wegen? In solchen und ähnlichen Fällen ist es ratsam, sich zu überlegen, WARUM man diese Information unbedingt loswerden will.

Was ist die Intention hinter der „Ehrlichkeit“?

„Ehrlichkeit“ wird nicht selten als Ausrede benutzt. Im Nahmen der Ehrlichkeit kann man ganz praktisch Aggressionen ablassen, jemanden vorsätzlich verletzen und sein eigenes Gewissen erleichtern. Hat man beispielsweise Gewissensbisse, weil man kurz nach dem Kennenlernen noch Gefühle für eine andere Person hatte und verspürt das unbändige Verlangen, dies dem Partner Jahre später zu beichten, sollte man laut Paartherapeuten zwei Mal überlegen. Demnach gibt es auch gute Gründe, bestimmte Dinge für sich zu behalten – etwa, um die Gefühle des Partners nicht unnötig zu verletzen, um den Partner zu beschützen oder auch um sich auch selbst zu schützen. Sex ist hierbei ein besonders beliebtes Thema. Fragt der Partner zum Beispiel, ob der Sex mit dem/der Ex besser war, ist die vernünftige Antwort in den meisten Fällen wohl „Nein“. Alles andere würde verletzen, verunsichern und die gemeinsame Intimität beinträchtigen. Die Tatsache, dass das sexuelle Miteinander mit einem anderen Partner befriedigender war ist demnach ein Geheimnis, das aus guten Gründen eines bleiben darf.

Privatsphäre des „Ich“

Und auch wenn man all die Kleinigkeiten bedenkt, die man am Anfang jeder Beziehung „verschweigt“ (schlechte Eigenschaften, vermeintliche Makel und Co), fragt man sich da nicht unwillkürlich, warum man mit diesen kleinen Geheimniskrämereien, die schließlich jeder Mensch zum Selbstschutz braucht, mit dem Eintrtt in eine Partnerschaft aufhören MUSS? Bleiben wir nicht auch in der Zweisamkeit noch eigenständige Personen, die ein Recht auf eine gewisse Privatsphäre haben? Und bedeutet Privatsphäre nicht auch automatisch, Grenzen zu ziehen und bestimmte Dinge für sich zu behalten, während man andere preisgibt? Ist man dann streng genommen nicht ohnehin sein ganzes Leben lang ein Schwindler/eine Schwindlerin, weil man nicht jeden „ehrlichen“ Gedanken gleich ausspricht und bestimmte Dinge für sich behält?

Grundregeln

Psychologin Dr. Karin Kaiser Rottensteiner meint hierzu „Es braucht in Beziehungen einen Übereinkunft darüber, was auf jeden Fall kommuniziert werden muss und wo die Grenzen des Einzelnen liegen“. Grundsätzlich sollten also große Themen wie „Liebe“, „Treue“, die Definition von „Ehrlichkeit“ und Co in einer Partnerschaft immer offen kommuniziert werden. Sich aber selbst zu erlauben, bestimmte Kleinigkeiten auch ohne schlechtes Gewissen für sich zu behalten und seinem Schatz nicht gleich zu beichten, wenn man beim Einkaufen einen feschen Kerl über zwei Mississippi lang angesehen hat, wird einer gesunden Beziehung bestimmt keinen irreparablen Schaden zufügen.

Fragen wie „Warum verheimliche ich das?“, „Verändert dieses Geheimnis unsere Beziehung?“, „Möchte ich einfach ehrlich sein oder nur mein eigenes schlechtes Gewissen erleichtern?“, „Verheimliche ich diese Sache für MICH oder für IHN/SIE?“ können hilfreich sein, wenn es darum geht, ein unbedenkliches Geheimnis von einem potentiell problematischen zu unterscheiden. Fazit: Absolute Ehrlichkeit gibt es nicht – weder in Beziehungen, noch in Freundschaften oder im Familienmiteinander. Manchmal haben wir bewusst Geheimnisse, manchmal belügen wir uns selbst, ohne es zu bemerken. Kleine Unwahrheiten sind Teil unseres alltäglichen Lebens und machen uns wohl auch zu dem was wir sind: Menschlich.