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Burnout: Neue Ursache für Langzeit-Stress im Gehirn identifiziert

Aus akutem Stress kann ständiger, chronischer Stress werden. /Bild: Fotolia
Burnout: Neue Ursache für Langzeit-Stress im Gehirn identifiziert
Trixi Kouba

Stress stellt unsere Gesellschaft zunehmend vor eine Herausforderung. Jeder vierte Österreicher fühlt sich im Job oder in seiner Freizeit von Stress geplagt. Termine und Leistungsdruck am Arbeitsplatz, Haushalt, Kindererziehung und Pflege der älteren Generation im Privatleben sind die Stressfaktoren Nummer Eins, zeigt eine Allianz-Umfrage. Wer im Beruf zu Stresssymptomen neigt, tut das meist auch im Privatleben – und umgekehrt.

Ein steifer Nacken, Kopfschmerz oder Schlafprobleme sind nur einige der Symptome, die daraus resultieren. Aus akutem Stress kann ständiger, chronischer Stress werden.  Das äußert sich etwa in einem Burnout – ein Problem, das in unserer Gesellschaft zunehmend an Bedeutung gewinnt. Wiener Forscher haben nun in Zusammenarbeit mit einem internationalen Team eine neue Ursache für die Langzeitwirkung von Stress im Gehirn ausgemacht. Über das Hirnwasser wird mit einer zehnminütigen Verzögerung nach dem Auftreten von „Gefahr“ jener Hirnbereich aktiviert, der auf den Stress reagiert und für das weitere Verhalten verantwortlich ist.

Hauptstressmechanismen: Hormone und Nerven

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Forscher der MedUni Wien, der Budapester Semmelweis-Universität, des Karolinska-Instituts in Stockholm und der amerikanischen Yale-Universität haben einen neuen, für die verzögert eintretende Stressreaktion und die Langzeitwirkungen von Stress verantwortlichen Prozess im Gehirn identifiziert. Bisher waren zwei Hauptstressmechanismen des Hirns bekannt, erklärt Tibor Harkany von der Abteilung für Molekulare Neurowissenschaften am Zentrum für Hirnforschung der MedUni Wien: „Für die Auslösung beider Mechanismen ist eine im Hypothalamus befindliche Nervenzellengruppe verantwortlich. Der eine Prozess ist ein hormoneller Weg, bei dem letztendlich über den Blutstrom aus der Nebenniere heraus innerhalb von Sekunden nach der Stresseinwirkung Hormone freigesetzt werden. Der andere Prozess, der Weg über die Nerven, ist noch schneller. In seinem Verlauf kommt es in Sekundenbruchteilen zu einer unser Verhalten entscheidend beeinflussenden direkten Nervenverbindung in Richtung des präfrontalen Cortex‘.“

Dritter Stressmechanismus im Gehirn identifiziert

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Bei den aktuellen Forschungen wurde nun festgestellt, dass dieselben Nervenzellen auch fähig sind, auch auf einem dritten Weg eine Stressreaktion auszulösen, deren Wirkung außerdem um einiges später auftritt und dauerhaft ist. Der entdeckte Mechanismus läuft über das Hirnwasser ab. Dabei gelangt auch ein für die Entwicklung und Instandhaltung des Nervensystems wichtiges Molekül, der sogenannte ziliare neurotrophe Faktor (CNTF), der im Hirnwasser kreist, zur Stresszentrale.

Da es um einen sich mit dem Hirnwasser ausbreitenden Mechanismus geht, ist er viel langsamer als der über den Blutstrom ablaufende Prozess. Im Hirnwasser wird der Stoff langsamer verdünnt und kann deshalb seine Wirkung länger andauernd entfalten. Die im Hirnwasser befindlichen Moleküle hingegen bombardieren die Nervenzellen des Stresszentrums, die den präfrontalen Cortex kontinuierlich wach halten, unaufhörlich. In dessen Folge kommt es zu einem wacheren Zustand des Nervensystems mit einer höheren Reaktionsfähigkeit.

Alle 3 Mechanismen bei starkem Stress

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Laut Erstautor Alán Alpár von der Semmelweis-Universität in Budapest ist es sehr wahrscheinlich, dass bei starkem Stress alle drei bekannten Mechanismen einsetzen. Bei der Bildung der verzögerten, und damit dauerhaften Wirkung spielt dieser dritte, von den Forschern identifizierte Prozesstyp eine bedeutende Rolle. Tomas Hökfelt vom Karolinska-Institut in Stockholm erklärt: „Stress ist allerdings ein länger dauernder Prozess. Die Möglichkeit einer aus dem Umfeld kommenden Bedrohung kann also auch länger bestehen, was vom Organismus nicht nur einen sofortigen, sondern einen dauerhaften Aufmerksamkeitszustand abverlangt“.

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