Gesundheit

Digitales Dopamin – Wenn „Likes“ zur Droge werden

Was tun die Menschen nicht alles, nur um ein paar Likes & Kommentare auf ihre Posts zu erhalten ? /Bild: Fotolia
Digitales Dopamin – Wenn „Likes“ zur Droge werden
Catharina Kaiser

Was tun Menschen denn nicht alles um ein paar Likes und Kommentare ernten und ihre Sucht nach etwas, das sich „digitales Dopamin“ nennt, zu befriedigen? Sie klettern auf Kräne, werfen sich in Monsterwellen und tanzen mit Leoparden nur um am Ende mit einer möglichst hohen Anzahl von Smileys dafür bewundert zu werden. Im Kontext der virtuellen Welt und des Internets gibt es Buzzwords, die kommen und wieder verschwinden und dennoch lässt sich bereit erahnen, wohin uns die Zukunft führen wird. Während früher noch ein viral gewordenen Inhalt das Nonplusultra an Hochgefühlen eines jeden Users bedeutete, so hat sich das Verhalten längst geändert. Die Belohnung durch Likes, Shares und Kommentare ist zu einer Dringlichkeit der besonderen Art geworden – zum digitalen Dopamin. Daher wollen immer mehr Entwickler, dass ihre Software ein Suchtpotenzial aufbringt, dass es zu einer Gewohnheit wird, die Benutzer nicht mehr unterbrechen können. Es soll über das Denken und somit über das Bewusstsein hinausgehen und tatsächlich zu einem Habitus werden. Und egal ob sie dazu das nächste Candy Crush oder Pokemon Go 2.0 entwicklen müssen, oder mehr Tricks und digitales Feedback einbauen müssen – die neuesten Entwickler werden alles tun um die süchtig machende Substanz namens Dopamin in Wallung zu bringen.

„Likes“ sind Digitales Dopamin

Dopamin als Neurotransmitter des zentralen Nervensystems ist mitverantwortlich für Entstehung von Sucht und wird vorwiegend durch spezielle Wirkstoffe ausgelöst.  Etwa durch den Konsum von Nikotin, beim Rauchen einer Zigarette. Zwar wird hier nur eine kleine Dopaminfreigabe ausgelöst, allerdings reicht das bereits um abhängig zu werden. Wie viele bereits vermuten werden, ist es bei harten Drogen wie Kokain und Heroin durchaus ähnlich, wenn gleich natürlich noch weitaus intensiver. Deshalb bewirken derartige Drogen auch eine derart starke Abhängigkeit, von der Betroffene nur selten ohne professionelle Hilfe wieder loskommen können. Nun stellen Forscher auch die Wirkung der sozialen Medien mit jener von Drogen gleich. Nachdem dabei die Amygdala, ein Bereich im Gehirn, aktiviert wird, welcher Emotionen steuert und Belohnungen verarbeitet. Es handelt sich also tatsächlich um eine Art von digitalem Dopamin. So fanden Forscher der California State University-Fullerton heraus, dass Social Media Obsession zu dem führen könnte, was in Medizin wie auch Wissenschaft klassischerweise als Sucht bezeichnet wird. Wie die Ergebnisse einer im Journal “Psychological Reports: Disability and Trauma“ veröffentlichten Studie ergeben, bewirken Likes und Shares von Bildern nämlich genau diese Freisetzung von Dopamin. Vereinfacht gesagt: Softwareentwickler machen ihre Unser nur durch die Möglichkeit des sozialen Supports abhängig von ihrem Produkt. Sie liefern ihnen sozusagen die digitale Droge, die sie brauchen. „Eine Droge, die das Ego selbst benötigt und nährt“, erklärt Konsumentenforscherin Michelle Newton.

Zwischen Zwang & Vergnügen

Dementsprechend steht die Suche nach einer ausgeklügelten Mischung aus Software und Hardware, die ein solches Suchtpotenzial auslöst, ganz oben auf der Prioritätenliste vieler Entwickler. Denn eines ist klar: User so zu fesseln, dass sie immer und immer wieder zurückkehren ist zum einen der Erfolgsgarant für Startups, die das Engagement ihrer Nutzer steigern möchten und zeitgleich die Gefahr für eine ungesunde Internetnutzung. Interessenvertretungsgruppen wie Time Well Spent schießen daher ebenfalls wie Unkraut aus dem Boden, um die Tech-Welt davon zu überzeugen, Benutzern zu helfen, ihre Telefone niederzulegen. Laut Tristan Harris, Mitbegründer von Time Well Spent, läuft dies allerdings nicht so gut wie erhofft. „Meine Verantwortung liegt darin Selbstbeherrschung auszuüben, doch das heißt nicht, dass es nicht tausende Menschen auf der anderen Seite des Bildschirms versuchen genau dieses Bestreben zu verhindern“, so Harris. Um eine potenzielle Smartphonesucht selbst erkennen zu können, veröffentlichte Dr. Edwin Salsitz, Spezialist für Suchtmedizin am Berg Sinai Beth Israel in New York, fünf Fragen die sich jeder selbst stellen kann: 1) Bin ich an mein Smartphone gefesselt? 2) Kann ich mein Handy problemlos beiseitelegen oder ausschalten? 3) Bemerke ich Entzugserscheinungen wenn ich mein Smartphone nicht nutzen kann? 4) Benutze ich mein Smartphone heimlich? 5) Nutze ich mein Smartphone wenn ich gelangweilt oder depressiv bin?

Ist das Gehirn erst einmal in den Genuss des digitalen Dopamin gekommen, so wird es sich schnell daran gewöhnen und immer mehr davon wollen. „Dennoch bevorzugt das Gehirn ein gleichmäßiges Level von Dopamin“, erklärt. Dr. Salsitz. Die lange Zeit vor dem Bildschirm ist demnach eine etwas zu hektische Art um das zu generieren, da man ständig überprüfen und verarbeiten muss, weshalb die Nutzungsmöglichkeiten angepasst werden müssen. Mit dieser Tatsache im Hintergrund wäre es laut Experten natürlich möglich, dass jeder Mensch inzwischen süchtig geworden ist und gegenwärtige Modelle des Internet-Verhaltens dahingehend optimiert werden. Das Ziel bleibt nun mal die Sicherstellung, dass User so oft wie möglich ihr Handy und ihre Social Media Accounts  checken.