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Ist das normal? 6 Anzeichen für psychische Gewalt in der Beziehung

Seelische Gewalt in der Beziehung zu erkennen, ist nicht immer leicht./ Bild: Fotolia
Ist das normal? 6 Anzeichen für psychische Gewalt in der Beziehung
Paulin Klärner

Psychische Gewalt ist unsichtbar. Und auch deswegen dauert es oft viel zu lange, bis Betroffene erkennen, dass sie in einer ungesunden Beziehung mit einem gewalttätigen Partner leben. Bei körperlichen Übergriffen bleiben sichtbare Zeichen, was diese Form der Gewalt für die Opfer und deren soziales Umfeld greifbarer macht. Bei seelischen Übergriffen hingegen verschwimmen die Grenzen leichter.

Ist es meine Schuld?

Menschen in gewalttätigen Beziehungen tendieren generell dazu, ihre Partner zu schützen, das Problem kleiner zu machen, als es ist und die Fehler bei sich selbst zu suchen. Sind die Übergriffe nicht sichtbar, wird es folglich noch schwerer, sich darüber klar zu werden, dass man sich in einer Opfer-Position befindet, aus der es schleunigst auszubrechen gilt. In solchen Situationen ist die Erkenntnis der erste Schritt zur Besserung – auch weil der Weg von psychischer Gewalt zum ersten körperlichen Übergriff statistisch gesehen kein weiter ist. Deshalb haben wir 6 Punkte zusammengefasst, die auf eine ungesunde Beziehung mit seelischen Übergriffen des hinweisen können.

1. Kontrolle

Eines der typischen Verhaltensmuster eines psychisch gewalttätigen Menschen ist die ständige versuchte Kontrolle des Partners. Wenn in einer Beziehung abgesprochen werden muss, wann man sich mit wem wo und wie lange trifft, wo und ob man arbeiten geht, zu welchen Freunden man Kontakt halten „darf“, oder wie man mit den gemeinsamen Kindern umgehen muss, handelt es sich um klare Anzeichen für ein krankhaftes Kontrollverhalten des Partners.

2. Kränkungen und Abwertungen

Natürlich sind Kritik und Ehrlichkeit in einer guten Beziehung essenziell, trotzdem muss ganz streng zwischen offensichtlichen Kränkungen der Kränkung wegen und konstruktiver Kritik unterschieden werden. Ob es um Äußerlichkeiten, Lebensentscheidungen, Kindererziehung, Sex oder Freunde und Familie geht – wird man in seinem Handeln vom Partner ständig abgewertet und schlecht gemacht, sollte man dieses Verhalten dringend hinterfragen und entsprechende Maßnahmen einleiten.

3. Lustigmachen

Auch Abwerten durch Humor ist eine Form der seelischen Unterdrückung. Dabei fallen oft Sätze wie „War doch nur ein Witz“, „Nimm das doch nicht so ernst“ oder „Man wird doch wohl noch Scherze machen dürfen“, um erniedrigende Kommentare im Nachhinhein zu entkräften und ihnen keine Grundlage für eine ernsthafte Diskussion zu geben. Sich ständig boshaft über jemanden lustig zu machen und danach zu erklären, man meine es ja nicht so, macht diese Abwertung nicht weniger ernstzunehmend.

4. Abhängigkeit

Ist der Partner beispielsweise der Alleinverdiener in der Beziehung und macht immer wieder auf dieses Machtungleichgewicht aufmerksam, kann das ein Anzeichen dafür sein, dass er es genießt oder braucht, sein Gegenüber in der Hand zu haben. Sätze wie „Was würdest du denn schon ohne mich tun?“ oder „Du könntest doch niemals auf eigenen Beinen stehen!“ sind keine Meinungen, sondern Drohungen. Abhängigkeit kann jedoch auch in eine ganz andere, eher passive, Richtung gehen: Beispielsweise wenn eine Person ihren Partner aufgrund psychischer oder körperlicher Probleme an sich bindet und mit dem gezielten Einsatz von schlechtem Gewissen ein Ungleichgewicht herstellt und ihn/sie so am Gehen hindert. Sätze wie „Ohne dich kann ich nicht weiter leben„, „Du musst bei mir bleiben, sonst tue ich mir etwas an“ fallen ebenfalls unter psychische Gewalt und krankhaftes Abhängigmachen in einer Partnerschaft.

5. Drohungen

Droht ein Partner seiner besseren Hälfte mit Konsequenzen, wenn jene nicht nach seiner Pfeife tanzt, kann man nicht mehr von einer gesunden Beziehung sprechen. Wer droht, weiß, dass er am längeren Ast sitzt und nutzt diese Machtposition bewusst aus. In diesem Fall kann man nicht mehr von einer „Liebesbeziehung“ – die auf Vertrauen, Respekt und gegenseitigen Freiräumen beruht – gesprochen werden.

6. Abschottung

Typisch für seelische Gewalt in Beziehungen ist auch die gezielte Abschottung des Partners von seinem sozialen Netzwerk. Wenn dein Gegenüber ständig die Meinung kundtut, du sollst dich von diesen und jenen Menschen distanzieren und alles was du brauchst, sei ohnehin nur eure Beziehung, ist das kein gutes Zeichen. Soziale Kontakte außerhalb einer Partnerschaft sind extrem wichtig – fehlen sie, fällt man leichter in ein psychisches Ungleichgewicht und eine Abhängigkeitsspirale.

Wo ist die Grenze?

Die Grenze zwischen psychischer Gewalt und „herkömmlichen“ Beziehungs-Schwierigkeiten auszuloten ist nicht immer einfach. Experten raten hier, auf das Bauchgefühl zu hören. „Fühle ich mich aufgrund der Kommentare und Aktionen meines Partners oft wertlos, schlecht, dumm oder hässlich?“, „Habe ich das Gefühl, sein/ihr Verhalten mir gegenüber ist aggressiv, ungerechtfertig oder unberechenbar?“, „Fürche ich mich vor den Reaktionen meines Partners?“, „Schränkt mich sein/ihr Verhalten in meinem Alltag und meinen Vorstellungen vom Leben stark ein?“, sind beispielsweise Fragen die man sich hierbei stellen kann.

Was kann man in solchen Situationen tun?

Wenn man das Gefühl hat, sich aufgrund dieser oder ähnlicher Punkte in einer Partnerschaft mit ungesundem Machtungleichgewicht zu befinden, ist der erste Schritt, nach der Erkenntnis, dass etwas getan werden muss, die Kontaktaufnahme zu nahestehenden Personen. Psychologin und Eltern- und Paarberaterin Dr. Karin Kaiser-Rottensteiner meint hierzu: „Besonders wichtig ist es, die Problematik nie zu schützen, da sie sonst zum Geheimnis der eigenen vier Wände wird. Sich Hilfe zu suchen ist Stärke – man muss nicht alles alleine schaffen!“. Außerdem sei es laut Experten ratsam, in solchen und ähnlichen Krisensituationen ganz anonym und unverbindlich auf das vielfältige Angebot von Notfall-Hotlines, Frauenberatungs-Stellen und Help-Centern zum Thema psychische und physische Gewalt zurückzugreifen.

24-Stunden Frauennotruf für Österreich: Tel.: 01/ 71 71 9

Der 24-Stunden Frauennotruf ist Anlaufstelle für alle Frauen und Mädchen ab 14 Jahren, die von sexualisierter, körperlicher und/oder psychischer Gewalt betroffen sind oder Gewalt in der Vergangenheit erfahren haben.