Erziehung

Kindes-Entwicklung: Was die ersten 7 Lebensjahre bewirken

Aristoteles dachte, dass er von 7-jährigen Kindern ablesen könne, wie sie als Erwachsene sein würden ! /Bild: Fotolia
Kindes-Entwicklung: Was die ersten 7 Lebensjahre bewirken
Catharina Kaiser

Bei der Entwicklung von Kindern scheinen die ersten 7. Lebensjahre von besonders großer Bedeutung zu sein. In dieser Zeitspanne, so die Theorie, tauchen die wichtigsten Meilensteine auf, die für das spätere Leben entscheidend sind. Diese Annahme stammt noch vom griechischen Philosophen Aristoteles, der in einem 7-jährigen Kind den späteren Erwachsenen sehen konnte. Es stellt sich allerdings die Frage ob die kognitive und psychische Gesundheit während der ersten 2.555 Tage eines Kindes tatsächlich über das restliche Leben bestimmen werden. Ähnlich wie Erziehungsstile können nämlich auch Theorien über die Kindheitsentwicklung veralten oder später widerlegt werden. Gibt es also wirklich ein Playbook in Sachen Kindererziehung um den späteren Erfolg und das Glück des Kindes sicherstellen zu können? Wie bei so vielen Aspekten der Erziehung erfolgt die Antwort nicht immer nur in schwarz und weiß. Die ersten 7 Lebensjahre eines Kindes verändern vielleicht nicht alles für immer, doch Studien zufolge haben sie eine durchaus wichtige Bedeutung für die Entwicklung sozialer Fähigkeiten.

Die ersten Lebensjahre

Laut Daten der Harvard University wird während der ersten Lebensjahre eine Art Kartierungssystem entwickelt, weshalb sich das Gehirn in dieser Zeit besonders schnell weiterentwickelt. Bevor ein Kind also das 3. Lebensjahr erreicht, werden 1 Million neuronale Verbindungen geknüpft und das pro Minute! Aus diesen Verbindungen in Kombination mit „Serve & Return“ Interaktionen entsteht später ein persönliches „Mapping System“ des Gehirns. Diese Interaktionen entsteht beispielsweise dann, wenn ein Baby schreit und ein Elternteil etwa mit Füttern oder Windel wechseln, auf dieses Signal reagiert. In ähnlicher Weise kann dieses Aktion-Reaktion Wechselwirkung auch durch Scheinspiele zustande kommen. Diese Interaktionen zeigen Kindern, dass ihr Umfeld aufmerksam ist und sich mit ihnen beschäftigt. Es kann also das Fundament dafür bilden, wie ein Kind soziale Normen, Kommunikationsfähigkeiten und Beziehungswissen lernt. Stimulationen auf welche eine Reaktion folgt und seien diese auch noch so klein, führen später zu einer unauflösbaren Verbindung. „Aus der Neurowissenschaft wissen wir, dass Neuronen, die zusammen agieren, miteinander verbunden bleiben. Sie sind wie die Wurzeln eines Baumes“, so Psychotherapeutin Hilary Jacobs Hendel. Demnach kann der Eindruck entstehen, dass sich Stresssituationen im Leben, wie etwa finanzielle Sorgen oder Krankheiten, auf die Entwicklung des Kindes auswirken können. Insbesondere wenn dabei die wechselhaften Interaktionen unterbrochen werden. Allerdings macht einen ein voller Terminkalender und viel Stress noch lange nicht zu einem schlechten Elternteil. Nichtsdestotrotz darf die Aufmerksamkeit für das Kind während der ersten Lebensjahre nicht einfach außer Acht gelassen werden. Denn diese Interaktionen können den Bindungsstil eines Kindes beeinflussen und sich auf die Entwicklung zukünftiger Beziehungen auswirken.

4 Typen von Bindungsarten

Der Begriff „ attachment styles“ stammt aus der Arbeit der Psychologin Mary Ainsworth und bezeichnet vier verschiedene Bindungsarten die Kinder entwickeln können. Entdeckt wurden diese indem Ainsworth die Reaktionen von Babys beobachtete, wenn ihre Mütter den Raum verließen und wenn diese wieder zurück kamen. Unterteilt wurden diese Reaktionen in: sicher, ängstlich-unsicher, ängstlich-vermeidend und desorganisiert. Während „sichere“ Babys weinten als die Bezugsperson den Raum verließ, sich bei ihrer Rückkehr jedoch schnell wieder beruhigten, reagierten ängstlich-unsichere Kinder zuerst aufgebracht und klammerten sich anschließend an die Bezugsperson. Ängstlich-vermeidende Kinder schienen keine diese Reaktionen aufzuzeigen. Weder waren sie aufgebracht wenn die Bezugsperson ging, noch freuten sie sich über die Wiederkehr. Der letzte Bindungsstil kommt vor allem bei traumatisierten Kindern vor. Dabei lassen sie sich nur schwer trösten, auch wenn zuvor nichts schlimmes passiert ist. „Sofern Eltern genügend Zeit mit ihren Kindern bringen und 30 % dieser Zeit wirklich aufmerksam sind, wird das Kind sehr wahrscheinlich einen sicheren Bindungsstil entwickeln“, so Hendel. Diese Stile werden bereits früh im Leben eines Kindes festgelegt und können die Beziehungszufriedenheit einer Person im Erwachsenenalter beeinflussen. Wird sich beispielsweise während der Kindheit um das Sicherheitsbedürfnisse hinsichtlich Ernährung, sicheres Zuhause oder ähnliche Faktoren gekümmert, die emotionalen Bedürfnisse aber vernachlässigt, so entwickelt das Kind eher einen ängstlich-vermeidenden Bindungsstil. Im Erwachsenenalter führt das oftmals dazu, dass enger Kontakt vermieden wird um sich vor möglichem Schmerz zu schützen.

Bereits im Alter von 7 Jahren setzten Kinder all diese erlernten Fähigkeiten und gesammelten Erfahrungen zusammen und legen somit eine solide Grundlage dafür wie sie mit der Welt kommunizieren und interagieren. Zeitgleich beginnen Kinder auch verstärkt damit sich von ihren Bezugspersonen abzukoppeln und eigene Freunde zu suchen. Zu diesem Zeitpunkt haben 7-Jährige viele Entwicklungsaufgaben in der Kindheit gemeistert und damit die Voraussetzungen für die nächste Wachstumsphase geschaffen. Auch wenn die ersten 7 Lebensjahre also nicht über jeden Aspekt des späteren Lebens entscheiden und gewisse Dinge auch schlichtweg nicht kontrolliert werden können, gibt es einige erzieherische Möglichkeiten um Kindern eine gesunde Portion Selbstbewusstsein und Zufriedenheit in die Wiege zu legen.