Partnerschaft

Mythen-Check: Umso mehr Sex desto besser die Beziehung?

Der Mythos "Sex macht die Beziehung" auf dem Prüfstand/ Bild: Fotolia
Mythen-Check: Umso mehr Sex desto besser die Beziehung?
Paulin Klärner, BA

Sex ist in unserer Gesellschaft ein sehr präsentes und stets gerne und heiß diskutiertes Thema – ganz unabhängig davon, ob es dabei um unverbindlichen Sex unter Singles oder Intimitäten in der Partnerschaft geht. Bei Letzterem stellt sich immer wieder die Frage „Was ist der ‚richtige‘ Weg?“: Müssen Paare wirklich – wie in zahlreichen Ratgebern empfohlen – so viel Sex wie möglich haben, um langfristig glücklich zu sein? Können Beziehungen auch mit wenig Sex funktionieren? Was ist eigentlich „guter Sex“ und gibt es ein Universalrezept für Sex in Beziehungen?

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Die amerikanischen ForscherInnen Muise, Schimmack und Impett haben sich in ihrer Studie mit der Häufigkeit von Sex in Beziehungen auseinandergesetzt. Hierfür befragten sie 25.510 US-Amerikaner zwischen 18 und 89 Jahren zu ihrer Sexualität. Die Ergebnisse zeigten, dass Sex für alleinstehende Menschen keine Rolle spielte, wenn es um ihre allgemeine Zufriedenheit ging, bei Paaren war die Häufigkeit von Sex für ihren Allgemeinzustand zwar ausschlaggebend, jedoch nur bis zu einem gewissen Punkt: Demnach waren Menschen zwar glücklicher wenn sie mehr Sex hatten – aber nur bis zu einem Durchschnittswert von 1 Mal pro Woche. Das heißt, dass Menschen, die über 1 Mal pro Woche Sex haben, nicht tendenziell glücklicher werden. Im Gegenteil – außergewöhnlich viel Sex in einer Partnerschaft kann auch auf Defizite im Miteinander hinweisen – z.B. kann körperliche Nähe hierbei benutzt werden, um das Fehlen tatsächlicher Verbundenheit und echter Intimität zu kompensieren.

Intimität vor Sexualität

„Werden Paare befragt, was die bedeutsamsten Faktoren einer glücklichen Partnerschaft sind, ranken Intimität, Verlässlichkeit, emotionale Bindung und Vertrauen weit vor Sexualität“, zitiert Psychologin Dr. Kaiser-Rottensteiner sinngemäß den bekannten Paartherapeuten Dr. Arnold Retzer. Intimität umfasst demnach liebevolle Berührungen ebenso wie vertrauensvolle Gespräche und Zärtlichkeiten aller Art.

Quantität vs. Qualität

Fragt man Langzeitpaare, ist es wenig verwunderlich, dass viele angeben, dass die Häufigkeit von Sex mit der Zeit stetig abnimmt. Ist die erste Verliebtheitsphase erstmal vorbei, werden andere Komponenten, wie Vertrauen, Verlässlichkeit, Unterstützung, Freundschaft, Familienzusammenhalt und Co wichtiger und die körperliche Liebe rückt ein Paar Plätze nach unten. Trotzdem ist es wichtig, als Paar stets am Miteinander zu arbeiten – und hierzu gehört auch ein gesundes, aufgeschlossenes und für beide Partner befriedigendes Sexualleben. Doch geht es um Letzteres könnten Menschen wohl nicht unterschiedlicher sein. Während es für manche vollkommen ausreichend ist, einmal im Monat mit dem Partner zu schlafen, haben einige noch seltener das Bedürfnis nach Sex während wieder andere viel häufiger sexuelles Verlangen verspüren. Wichtig ist hierbei in erster Linie, offen mit dem Partner über Wünsche und Vorstellungen zu sprechen und einen gemeinsamen Nenner zu finden. Sex ist eine komplexe Angelegenheit, die mit guten, offenen Gesprächen herrliche Früchte tragen kann – im Gegenteil aber durch Verschlossenheit, unreflektierte Erwartungshaltungen und gender-spezifische Klischees zu einer Bürde für die Beziehung werden kann. Dr. Arnold Retzer weist jedoch in seinem Buch „Systemische Paartherapie“ darauf hin, dass man mit „Gesprächen über Sex“ vorsichtig sein muss: Wichtig ist hierbei, entspannt und ohne Druck an das Thema heranzugehen, da die gemeinsame Sexualität durch zu viel Theorie, Schwere und Überanalysieren ihre natürliche Leichtigkeit verlieren kann. So sollte am Beginn eines entspannten Abends zu zweit dem ernsten Gespräch über das gemeinsame Sexualleben manchmal besser die tatsächliche Intimität vorgezogen werden, fügt Retzner hinzu.

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Fazit:
Geht es um die Häufigkeit von Sex in der Beziehung gibt es keine allgemein gültige Formel – jeder muss für sich selbst herausfinden, was gut tut, mit dem Partner offen darüber sprechen und dabei nicht vergessen, dass die schönste Nebensache der Welt, egal wie oft sie stattfindet, vor allem eines braucht: Ganz viel Leichtigkeit.