Nägelbeißen, Knöchelknacken, Haarezwirbeln – Was hat es mit Ticks auf sich ?

Die meisten Menschen haben einen kleinen Tick - das kann harmlos sein, aber auch selbstverletzendes Verhalten. /Bild: Fotolia
Nägelbeißen, Knöchelknacken, Haarezwirbeln – Was hat es mit Ticks auf sich ?
Trixi Kouba

Ein kleiner Tick findet sich fast bei jedem Menschen, ob bewusst oder unbewusst: Nägelbeißen, Haare zwirbeln, Knöchelknacken, Lippenbeißen oder Fußwippen – die Bandbreite ist groß und reicht von harmlosen Ticks bis hin zu selbstverletzendem Verhalten.

Die meisten Ticks beginnen in der Kindheit, wenn das wachsende Gehirn noch nicht gelernt hat, mit Emotionen richtig umzugehen. Jedes achte Kind oder Jugendliche erlebt eine Tick-Phase. Mit dem Alter verschwinden sie beim Großteil auch wieder. Als Tick werden wiederholende Bewegungen der Muskeln oder Lautausstöße beschrieben, die keine erkennbare Funktion erfüllen. Experten unterscheiden dabei drei Kategorien, die sich teilweise überlappen und deren Abgrenzung umstritten ist: Die erste Kategorie beinhaltet Ticks wie schnelles Kopfnicken. Fingertrommeln oder das schnelle Wippen mit dem Bein fallen in die zweite Kategorie. Drittens werden körperfokussierte Ticks wie Nägelbeißen, Haarereißen oder das Kratzen an der Haut zusammengefasst. Kennzeichnend ist, dass das unfreiwillige Verhalten gestoppt werden kann, sobald man darauf aufmerksam gemacht wird. Früher oder später wird es aber wieder auftauchen. Manchen Menschen ist das Verhalten bewusst und sehr unangenehm, andere empfinden sie nicht als störend. Im Schlaf tauchen Ticks fast nie auf. Das Tourette-Syndrom als extreme Form des Ticks stellt die Wissenschaft immer noch auf die Probe. Der Entstehungsgrund ist ungeklärt, einheitliche Behandlungen gibt es momentan noch nicht dafür. Die Umgebung reagiert auf die auffälligen Symptome meist mit Überraschung, Ablehnung oder Spott. Betroffene können stark darunter leiden.

Ticks als Stress-Barometer

stress
Der klinische Psychologe Ali Mattu erklärt in einem Video den wissenschaftlichen Zusammenhang zwischen Ticks und Stress: Jede Art von Tick involviert die Gehirnregion namens Basalganglien, die Körperbewegungen kontrolliert. In stressigen oder frustrierenden Situationen, in denen man entweder über- oder unterstimuliert, also überfordert oder gelangweilt ist, wählen die Basalganglien ein körperliches Verhalten aus, das sich in einem Tick äußert. Das Muster kann auch an Zootieren beobachtet werden. Ängstliche oder gelangweilte Tiere zupfen ihre Federn oder ihr Fell aus, laufen im Kreis oder schütteln wiederholt den Kopf.

Wie kann man Ticks loswerden ?

hair
Wer keinen Tick hat, kann sich leicht in das Gefühl hineinversetzen: Nehmen Sie sich vor, für längere Zeit nicht zu zwinkern. Sie werden eine körperliche Veränderung auf der Augenoberfläche spüren. Die Augen fühlen sich trocken an und der Drang zu blinzeln wird immer stärker. Irgendwann blinzelt man dann doch schnell hintereinander. Ein Gefühl der Erleichterung kommt auf. Genauso fühlt sich auch ein Tick an. Ein Tick ist ein Signal, das normalerweise blockiert werden sollte, doch wie beispielsweise beim Tourette-Syndrom in den Basalganglien durchschlüpft und sich in einem bestimmten Verhalten äußert. Doch dagegen können Schutzwände aufgezogen werden. Das Unterdrücken eines Ticks kann zu weiteren Ticks führen, so Mattu. Stattdessen setzen Forscher auf Verhaltenstherapien und emotionale Regulation als Therapieformen. Es gilt vor allem die Aufmerksamkeit und Wahrnehmung zu schulen, um seine Ticks zu beobachten. Mithilfe von Aufmerksamkeitstraining können schwere Tics wie beispielsweise das Tourette-Syndrom nicht gänzlich eliminiert, doch wenigstens gelindert werden.

stress2
Eine Methode zum Bekämpfen eines Ticks ist das Ausführen des Ticks in kontrollierter Form. Bei einem Drang zu starkem Blinzeln etwa, wird das Blinzeln auch ausgeführt: Die Augen werden langsam und kontrolliert geöffnet und wieder geschlossen, bis der Drang nachlässt. Bei vokalen Ticks helfen laut Dr. Mattu tiefe Atemzüge sehr gut. Ticks am Nacken können bekämpft werden, indem der Nacken nach vorne und das Kinn nach unten gestreckt wird. Involviert ein Tick das Ausstrecken eines Armes, hilft es, den Arm zum Körper zu ziehen. Bei diesen Methoden geht es also darum, gegenteilige Bewegungen zum Drang des Ticks auszuführen, um das Gehirn „neu zu verkabeln“.