Postpartale Depression betrifft zunehmend mehr Väter

Auch bei Männern kann eine Hormonschwankung eine "postnatale" Depression auslösen ! /Bild: Fotolia
Postpartale Depression betrifft zunehmend mehr Väter
Catharina Kaiser

Postpartale Depression war lange Zeit ein Tabuthema, doch inzwischen scheint sich die Stigmatisierung endlich zu legen – spätestens, seit auch Hollywood-Stars offen über dieses Problem sprechen. Dennoch blieb die Depression nach der Geburt eines Kindes bislang ein Frauenthema, doch auch das hat sich nun geändert. Trotz anfänglicher Skepsis, die in diversen sozialen Medien kursierte, sind nämlich auch Männer davon betroffen. So leiden ersten Schätzungen zufolge etwa 10 % der Väter an einer Postpartalen Depression. Was übrigens der doppelte Wert im Vergleich zum „typischen“ Vorkommen von Depressionen bei Männern ist. Während eine hormonelle Veränderung als Grund bei Müttern bekannt ist, bliebt die Ursache bei Vätern aber lange unbekannt. Um das herauszufinden wurde getestet ob die Ebenen an Testosteron in Zusammenhang mit dem Risiko einer postpartalen Depression während der frühen Elternschaft stehen.

Testosteronwerte schwanken

Testosteron ist ein Androgen-Hormon und verantwortlich für die Entwicklung als auch die Erhaltung der männlichen sekundären Geschlechtsmerkmale. So fördert es beispielsweise das Wachstum der Muskelmasse, das Körperhaarwachstum sowie die sexuelle Erregung und das Wettbewerbsverhalten. Doch das Hormon schwankt im Laufe des Lebens und kann dadurch einige Veränderungen mit sich bringen. Dieser Wechsel konnte bereits bei einigen Arten des Tierreichs beobachtet werden, angefangen bei den mongolische Rennmäuse, über Hamster bis hin zu Mäusen. Bei ihnen konnten nach der Geburt deutlich niedrigere Testosteronwerte nachgewiesen werden. Ein Prozess, der laut Forschungen des Anthropologen Lee Gettler auch bei Männern beobachtet werden kann. Zudem würde das Testosteron bei Vätern, die mehr Zeit mit ihren Kindern verbrachten, weiterhin niedrig bleiben, was darauf hindeutet dass das Hormon durch väterliche Pflege unterdrückt werden kann. Kommt es zu einem drastischem Rückgang des Testosterons, entsteht häufig eine Form der postpartalen Depression. Doch die exakte Ursache für diesen Rückgang konnte noch nicht wissenschaftlich belegt werden. Möglicherweise liegt es an der Nähe zur Partnerin und dem Neugeborenen, dem erhöhten Stress oder dem gestörten Schlafrhythmus.

Niedriges Testosteron = stärkere postpartale Depression

Bisherige Forschungen konnten den Testosteronspiegel im Allgemeinen mit Depressionen in Verbindung bringen. So verursachen niedrige Werte Gefühle von Lethargie und Desinteresse, die typische Merkmale einer Depression sind. Aus diesem Grund setzten einige Psychiater Testosteron Supplements zur Behandlung von Depressionen bei Männern ein. In Zusammenhang mit einer väterlichen postpartalen Depression wurde die Rolle des Hormons aber nicht untersucht. Daher untersuchten Forscher nun eine Reihe von Daten des Community Child Health Research Network, eine Studie über die Gesundheit und das Wohlbefinden frisch gebackener Eltern. Im Rahmen der Studie wurden Mütter zusammen mit ihren Partnern nach der Geburt ihrer Kinder für mehrere Jahre hinweg begleitet. An einem der verschiedenen Studienplätze wurden Väter zudem gebeten eine Speichelprobe abzugeben, als ihr Kind etwa 9 Monate als wurde. Sowohl Mütter als auch Väter schienen währenddessen über Symptome von Depressionen zu klagen, welche sich in beiden Fällen ähnelten. Der Einfluss des Testosterons verdeutlicht dabei erneut den Zusammenhang mit depressiven Zuständen wie sich bereits zuvor entdeckt wurden. „Allerdings ist diese Studie die erste, die speziell auf die Väter eingeht“, so die Studienleiter. Die Tatsache, dass sich das männliche Hormon in der Zeit der Geburt und der frühen Elternschaft reduziert, liefert somit eine Erklärung warum gerade in dieser Phase ein so hohes Risiko für Depressionen bei Männern herrscht.

Mütter vs. Väter

„Geteiltes Leid ist halbes Leid“ wie es so schön heißt, doch in Sachen postpartaler Depression ist die Angelegenheit etwas schwieriger. Überraschenderweise führt ein niedriger Testosteronspiegel zwar zu verstärkten Depressionssymptomen bei Vätern, reduziert aber die Auswirkungen bei ihren Partnerinnen. Doch woran liegt das? Laut Theorien der Forscher könnte daran die erhöhte Beziehungszufriedenheit schuld sein. Diese profitiere nämlich vom geringen Testosteronwert des Partners und hemme somit die depressive Symptome bei Frauen. Auch der Umstand, dass Männer in diesem Fall mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen und sich stärker auf die Beziehung konzentrieren könnte dabei eine Rolle spielen und die Mütter entlasten. Blieb der Testosteronwert des Partners auch nach der Geburt gleich, so berichteten Mütter von einer eher streithaften Beziehungen voller Aggression zwischen den Partnern. Kein Wunder, denn Testosteron ist sowohl mit aggressiveren als auch wettbewerbsfähigen Verhalten verbunden, weshalb es in Bezug auf die Geburtszeit eine durchaus negative Seite des Hormons gibt. Obwohl niedriges Testosteron zu einer postpartalen Depression führen kann, ist auch zu hohes Testosteron nicht gerade wünschenswert. Laut Studienergebnisse leiden diese Männer während der Erziehung nämlich unter höherem Stress und haben mehr Probleme bei der Elternschaft.

Umgang mit postpartaler Depression

Die neuesten Forschungen deutet darauf hin, dass Väter auf beiden Seiten des postpartalen Testosteron-Spektrums gefährdet sein könnten. Zu viel des Hormons lässt die Aggressivität sowie die Stressbelastung steigen, zu wenig davon und das Risiko einer postpartalen Depression wird erhöht. Männer mit einem durchschnittlichen Testsosteronwert haben daher die besten Chancen um beiden Problemen zu entkommen. Doch das betrifft eben nicht nur die Väter selbst, sondern wirkt sich auf die gesamte Familie aus. Auch wenn die Folgen eines Rückgangs des Hormons nicht wahnsinnig rosig klingen, versteckt sich dahinter durchaus ein evolutionsbedingter Sinn: Er motiviert Väter dazu, sich mehr mit den Kindern zu beschäftigen und mehr Zeit in die Familie zu investieren. Nichtsdestotrotz bleibt die Erziehung von Kindern, völlig unabhängig vom Testosteronwert, eine wirklich anstrengende Arbeit, die in der Gesellschaft nach wie vor zu wenig hoch gewertet wird. So steckt die Familienunterschützung in Amerika noch immer in den Kinderschuhen und Väter kämpfen nicht selten mit familienunfreundlichen Arbeitsvereinbarungen. Genau so wie frisch gebackene Mütter, die häufig mit Isolation und Überwältigung zu kämpfen haben, ohne dabei angemessen unterstützt zu werden. Allerdings könnte das Wissen, dass diese Gefühle völlig normal sind und die postpartale Depression sogar in der Evolutionsbiologie verwurzelt sind, bereits etwas Positives bewirken. Es ist absolut verständlich, dass man fix und fertig ist und auch Zeit für sich selbst braucht – das macht einen noch lange nicht zu einer Rabenmutter. Doch die Symptome betreffen eine ganze Familie und sollten daher ernst genommen werden.