Gesundheit

Schamgefühl als Motivation ? Nicht wirklich !

Wenn der Arzt den Lebensstil eines Patienten stark kritisiert, ist das eher kontraproduktiv ! /Bild: Fotolia
Schamgefühl als Motivation ? Nicht wirklich !
Catharina Kaiser

Ein Arztbesuch ist per se ja schon mal nicht das was man als Lieblingsbeschäftigung bezeichnen würde. Meistens geht man hin, weil man sich ziemlich schlecht fühlt und durch eine Untersuchung, der richtigen Diagnose und Behandlung baldige Besserung erhofft. Wird man dann allerdings selbst für eine Erkrankung verantwortlich gemacht, etwa aufgrund eines „ungesunden“ Lebensstils, so wird die ganze Situation noch unangenehmer. Leider passiert das aber viel zu oft und Patienten wird regelmäßig von Experten oder Ärzten eine gehörige Portion Schamgefühl verpasst. Denn Mängel oder Probleme, die auf den jeweiligen Lebensstil zurückzuführen sind, können sich wie ein persönlicher Fehler anfühlen. Etwa Probleme mit dem Gewicht, Sexualverhalten, Rauchen, Sucht oder Alkohol. Häufig werden Menschen mit diesen Problemen damit konfrontiert, dass sie „unnötigerweise“ Gesundheits- oder Behindertenleistungen oder Sozialleistungen beziehen, obwohl sie ja „selbst schuld“ sind. Das dadurch ein extremes Schamgefühl ausgelöst wird, ist klar. Doch es scheint unklar zu sein, dass das absolut niemandem weiterhilft. Weder Ärzten noch Patienten. Dennoch ist es Teil des gegenwärtigen Dogmas der „persönlichen Verantwortung“, das besonders von Ärzten postuliert wird. So nutzen Fachexperten jede Sitzung, völlig unabhängig davon warum ein Patient nun vor ihnen sitzt, um darüber zu sprechen wie man Verantwortung für einen gesunden Lebensstil übernehmen kann.

Was ist falsch an etwas Schamgefühl ?

Der Trick das Schamgefühl der Menschen zu nutzen um sie zu manipulieren, das Verhalten zu ändern, oder um sie zu kontrollieren, wird praktisch seit Ewigkeiten genutzt. Das beste Beispiel: Reality-TV-Serien. Darin wird gezeigt wie das Schamgefühl einige Menschen dazu motiviert ihr Leben umzukrempeln. Zumindest ist so im Skript vorgesehen. Generell bringt es Menschen allerdings dazu das genaue Gegenteil zu tun – nämlich sich zurückzuziehen oder zu verstecken. Vor allem wenn das in medizinischen Einrichtungen geschieht, kann die Konsequenz fatal sein. Einer Studie der University of California zufolge erleben etwa 50 % der Patienten mindestens eine Begegnung mit einem Arzt, der ein Schamgefühl in ihnen erweckt. Nicht nur dass das für Betroffene unglaublich unangenehm ist, solche Situationen können dazu führen, dass sie ihren Arzt weniger häufig aufsuchen, über ihren geistigen oder körperlichen Gesundheitszustand lügen, oder Diagnosen vor Familie und Freunden verbergen. Nicht alle Teilnehmer der Studie hatten allerdings den Eindruck, dass Schamgefühl automatisch etwas negatives sein muss. Viele waren der Meinung diese Erfahrung wäre sogar wertvoll, obwohl sie bei späteren Arztbesuchen dennoch dazu neigten über ihren Zustand zu lügen, was unwirksame Behandlungen oder falschen Verschreibungen von Medikamenten bedeuten kann.

Beschämung ist kontraproduktiv

Auch wenn Schamgefühl für die meisten Menschen negative Effekte hat, so trifft es Menschen die einer stigmatisierten oder marginalisierten Gruppe angehören mit einer weit größeren Wucht. Oftmals leiden diese Menschen nämlich bereits an einer chronischen Scham die unbewusst existiert, sich aber direkt auf das Wohlbefinden auswirkt. Das kann sogar trotz eines gesunden Lebensstils der Fall sein und eine Vielzahl von Problemen wie Gewichtszunahme, Depression, Sucht, ein schwaches Immunsystem oder Herzerkrankungen entstehen lassen. Gesundheitliches Schamgefühl sollte laut Theorie also genutzt werden, um Menschen zum Besseren zu verändern. Beweise, ob das auch tatsächlich funktioniert, gibt es allerdings nicht. Ebenso ist es nicht immer sicher, dass Menschen offen für diese Art von Veränderung sind. Beschämung stigmatisiert Betroffene für eine falschen Lebensstil oder einen „falschen“ Körper. Sie fühlen sich schuld daran, dass sie weder ihre Gewohnheiten noch ihren Lebensstil ändern können. Derselbe Einsatz von Beschämung und Stigmatisierung durch öffentliche Gesundheitskampagnen ist laut Experten nicht nur zweifelhaft sondern birgt darüberhinaus das Risiko die Gesundheit der Menschen zu verschlechtern, anstatt sie zu einem besseren Lebensstil zu motivieren.