Leben

„Seinen Mann stehen“: Der sexuelle Druck, der auf Männern lastet

Wenn es um Sexualität geht, müssen die Herren der Schöpfung immer "ihren Mann stehen". Aber ist das gesund?/ Bild: Fotolia
„Seinen Mann stehen“: Der sexuelle Druck, der auf Männern lastet
Paulin Klärner

Es ist schon eine eigenartige Welt in der wir leben. In einer Zeit, in der die Gleichberechtigung und der gegenseitige Respekt zwischen den Geschlechtern wieder mehr denn je im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, sieht es so aus, als hätten viele Menschen den Begriff „Sexismus“ immer noch nicht ganz verstanden. Es scheint, als wären Rollenbilder und Geschlechtsstereotype so fest in unseren Köpfen verankert, dass es für viele Menschen schier unmöglich ist, Mann und Frau gleich zu behandeln.

Der Mann als Opfer seiner eigenen Männlichkeit

Ob es um den gesellschaftlichen Umgang mit Männern geht, die von ihren Frauen misshandelt werden (hierbei ist die Dunkelziffer enorm hoch), um die Reaktion auf Männer, wie den Schauspieler Terry Crews, die im Zuge der „me too“-Debatte darüber sprachen, sexuell belästigt worden zu sein oder um das gute alte Sprichwort „Sei ein Mann!“, das immer noch viel zu oft verwendet wird – die Herren der Schöpfung haben es nicht leicht, ihren Mann zu stehen.

Awww, die armen Jungs…

patriarchy

Logischerweise kommt das fehlende Mitleid und Einfühlungsvermögen für das männliche Geschlecht nicht von irgendwoher. Die jahrtausendelange systematische Unterdrückung der Frau in fast jedem Lebensbereich dürfte da eventuell schon eine Rolle spielen. Duh! Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb: Sollten wir nicht besser aktiv an einem neuen Männerbild arbeiten, damit Gleichberechtigung und gegenseitiger Respekt eine Chance haben? Und was eigenet sich zur Lösung solcher komplexen Probleme besser, als bei den alltäglichen Dingen des Lebens anzufangen?

Die Sexualität des Mannes

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Beginnen könnten wir beispielsweise mit der Sexualität des Mannes – eine hochfragile Angelegenheit, über die unter Männern kaum (außer das obligatorische A: „Und wie wors?“ B: „Eh geil!“) bis gar nicht gesprochen wird, für die Frauen in vielen Fällen kein Verständnis haben (ja, auch das fällt unter Sexismus!) und die folglich auch in der Gesellschaft nicht so offen thematisiert wird, wie die weibliche Sexualität. Deshalb haben wir 5 Punkte zusammengefasst, die man(n und frau) berücksichtigen sollten, um ein offeneres und ehrlicheres Männerbild in Hinsicht auf Sexualität – und im Allgemeinen – zu schaffen.

1. Männer können (und müssen) nicht immer funktioneren!

Wenn sich eine Frau beim Sex nicht wohlfühlt, sich nicht fallen lassen kann, unentspannt ist oder einfach nichts so hinhaut wie es soll, ist das gesellschaftlich vollkommen okay. Umgekehrt scheint die Vorstellung, dass ein Mann immer „seinen Mann stehen“ muss, ganz normal zu sein – in den Köpfen von Frauen und Männern. Kein Wunder also, dass so wenige Herren der Schöpfung offen über Erektionsprobleme und andere Schwierigkeiten im Bett sprechen können. Dabei leidet laut einer Studie der Klinik und Poliklinik für Urologie am Münchner Klinikum jeder dritte Mann an erektiver Dysfunktion (ED). Fast die Hälfte der Betroffenen gab als Grund die Angst an, beim Sex immer funktionieren zu müssen.

2. Wir Frauen können ganz schön hart sein!

poor boy

Wenn er das, dies und jenes im Bett nicht erfüllt, ist der nichts für mich! Na, kommt euch dieser Satz ein bisschen bekannt vor? In Frauenrunden – im Gegensatz zu Männerrunden – wird schon eher gerne mal detailliert über Sex gesprochen. Und da kommen Männer oft nicht gut weg. Ob es um die Penisgröße, das Durchhaltevermögen oder die Fingerfertigkeit geht – oft wird an den Jungs kein gutes Haar gelassen. Dabei kann man doch an allem arbeiten und für jeden „Makel“ eine Ausgleichsmöglichkeit finden… also ruhig mal ein bisschen respekt- und rücksichtsvoller sein, liebe Ladies! Schließlich erwarten wir uns umgekehrt doch das Selbe.

3. Das Konzept „Männlichkeit“ muss neu definiert werden

Umso offener die Gesellschaft – beginnend mit uns Frauen – mit männlichen Problemen im Bett (Erektionsstörungen, frühzeitiger Ejakulation, etc.) umgeht, desto eher werden sich Männer in der Lage fühlen, sich offen mit ihren Gefühlen, Ängsten und Unsicherheiten auseinanderzusetzen und desto wahrscheinlicher ist es, dass die nachfolgenden Generationen in einer Welt leben, in der es ein gesundes, reflektiertes Männerbild gibt. Man würde sich wundern, wenn man wüsste, wie viele Männer mit solchen und ähnlichen Schwierigkeiten auch heute noch denken, dass sie damit vollkommen alleine sind – obwohl die Realität ganz anders aussieht.

4. „Guter Sex“ ist subjektiv – und ausbaufähig

Unsere Vorstellungen von gutem und männlichem Sex sind rein kulturell bedingt. Sie sind weder natürlich noch universell„, meinte Emily Wentzell, Professorin für Anthropologie an der Universität von Iowa und Autorin einer viel beachteten Studie über erektile Dysfunktion 2017 im Interview mit Broadly. Deshalb ist es besonders wichtig, guten Sex neu zu definieren, Männern (und Frauen) zu vermitteln, dass die Welt nicht untergeht, wenn „er mal nicht gleich steht“, dass es Möglichkeiten gibt, an solchen und ähnlichen Probelem zu arbeiten und dass es 100 Alternativen gibt, sich in einem „Moment der Schwäche“ anders miteinander zu vergnügen, was wiederum schon viel Druck aus der Sache nehmen kann.

5. Pornos und die sexuelle Erziehung des Mannes

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Für viele junge Menschen, vor allem Männer, ist das Thema Pornografie ein ganz zentrales, wenn es darum geht, die eine Sexualität zu definieren. Im globalen Schnitt kommt laut einer Statistik von Pornhub auf drei Pornokonsumenten bloß eine Pornokonsumentin. Über das Männer- und Frauenbild das in den Mainstream-Pornofilmen dargestellt wird, muss wohl nicht weiter eingegangen werden. Das Problem liegt aber nicht an bei den Schmuddel-Filmchen per se (solange man sie reflektiert konsumiert und sich bewusst ist, dass es sich um eine Inszenierung und nicht das echte Leben handelt), sondern bei der Tatsache, dass sie für Männer oft die einzige „Lern-Quelle“ für Sex darstellen. Während Frauen – zumindest in unseren Breiten – schon früh vermittelt wird, dass sie sich beim Sex wohlfühlen müssen, sagen dürfen, wenn ihnen etwas nicht gefällt und aufhören dürfen, wenn sie nicht mehr wollen, gibt es vergleichsweise wenige Fälle, in denen jungen Männern erklärt wird, dass es ganz normal ist, wenn es mal nicht hinhaut oder dass man keine zwei Stunden durchhalten muss. Deshalb liegt es wohl auch an uns Frauen, unseren Sexualpartnern zu vermitteln, dass sie nicht funktionieren müssen, um sich als männlich zu legitimieren.