Studie: Die Wissenschaft der Leidenschaft

Leidenschaft und Sexualität gehören zusammen - doch es gibt zwei Typen von Menschen ! /Bild: Fotolia
Studie: Die Wissenschaft der Leidenschaft
Catharina Kaiser

Leidenschaft und Sex zählen in der heutigen Zeit zu den tagtäglichen Gesprächsthemen und die Gesellschaft ist inzwischen ja praktisch besessen davon. Egal wo man hinsieht gibt es einen weiteren Artikel oder Ratschlag zum Thema „perfekter Sex“ und einem noch besseren Orgasmus. Dass die Leidenschaft genau aufgrund dieser Bombardierung mit diversen Tipps, Tricks und Co. verloren zu gehen scheint, bleibt allerdings oftmals unbemerkt. Doch genau dieser obsessive Fokus auf die Pragmatik und die Mechanisierung von Sex sei, laut Experten, schuld daran. Denn die Isolation von Sexualität zum restlichen Leben mache die Menschen unzufrieden und leidenschaftlichen Sex ziemlich schwierig. Das Forscherteam rund um Dr. Frédérick Philippe unterscheidet in ihrem Konzept zwischen zwei unterschiedliche Kategorien: die harmonische sexuelle, und die obsessive sexuelle Leidenschaft.

Die zwei Arten der Leidenschaft

Im Rahmen einer Studienreihe untersuchte das Forscherteam rund um Dr. Frédérick Philippe und Dr. Robert Vallerand das Konzept der harmonische sexuellen Leidenschaft. Dabei handelt es sich um eine Passion für Sex, die im Einklang mit anderen Lebensaspekt und vor allem in Harmonie mit der eigenen Persönlichkeit steht. Daher gibt es in diesem Fall wenn überhaupt nur minimale Konflikte mit anderen Lebensbereichen. Denn die harmonische Integration der sexuellen Bedürfnisse würde Menschen befreien und die Leidenschaft für Sex auf eine offene Art und Weise ermöglichen. Im Gegensatz dazu steht laut Forschern die obsessive sexuelle Leidenschaft, bei der die Sexualität nicht in die Gesamtheit des Wesens integriert ist. In diesem Falle erleben Menschen ihre Sexualität als vom restlichen Leben und vom eigenen Charakter getrennte Leidenschaft. Das würde laut Forschung sowohl zu einer geringeren Leidenschaft als auch zu einer reduzierten unmittelbaren Befriedigung führen. Aufgrund dieses Konflikts scheint Sex als eine Form von „Ziel“ erlebt zu werden, dass erfüllt werden muss. Diese Einstellung zwingt daher praktisch eine gute Performance abzuliefern, anstatt die eigene Sexualität zu kontrollieren und kann somit den Genuss von Sex wie auch die Lebensqualität erheblich einschränken. Merkmale der obsessiven Leidenschaft ist laut Forschern, eine fast zwanghafte Lust auf Sex sowie das Gefühl, dass man von den sexuellen Bedürfnissen kontrolliert wird.

Die obsessive sexuelle Leidenschaft

In einer Reihe von Studien stellten die Forscher fest, dass sich beide Formen der Leidenschaft vor allem darin unterschieden, wie sexuelle Informationen verarbeitet werden und wie sexuelle Aktivität erlebt wird. So war letzteres bei Personen mit einer obsessiver sexueller Leidenschaft meist mit negativen Emotionen verbunden. In der übrigen Zeit kreisten die Gedanken aber fast ausschließlich um Sex, und mögliche Konflikte mit anderen Lebensbereichen oder führten zu einem verstärkten Interesse für weitere Partner. Zudem schienen diese Personen sofort abgelenkt zu sein, sobald sie unbewusst Bilder von sexuell attraktiven Menschen sahen. Im Vergleich dazu blieben Menschen mit einer harmonisch sexuellen Leidenschaft weiterhin konzentriert bei der Sache. Des Weiteren schienen die Forscher ein „Verhaltensmuster“ im Bezug auf die Verarbeitung von Informationen feststellen zu können. So schienen Menschen mit obsessiver sexueller Leidenschaft zum einen sexuell auf Worte oder soziale Handlungen anzusprechen, obwohl diese keinerlei sexuelle Konnotation hatten, zum anderen spielte Gewalt eine größere Rolle und es kam häufiger zu Trennungen.

Die Unterschiede

Im Vergleich zur obsessiven sexuellen Leidenschaft zeigen sich bei bei der harmonischen Alternative deutliche Abweichungen in der Informationsverarbeitung und dem sexuellen Verhalten. Getestet wurde das beispielsweise mit einer simplen Aufgabe: Die Studienteilnehmer wurden gebeten innerhalb einer Minute möglichst viele Wörter, die ihnen in Zusammenhang mit Sex einfielen, zu nennen. Hatten Teilnehmer eine harmonisch sexuelle Leidenschaft so lieferten sie eine große Anzahl von Begriffen, jedoch waren die Worte meist direkt sexuell, wie z.B. „Penis“ „Brüste“ oder „Vibrator“. Ebenso tauchten auch sexuell-verwandte Wörter wie „intim“ oder „Liebesspiel“, in der Liste auf. Allerdings zeigte sich der Unterschied der beider Testgruppen im Verhältnis der genannten Wortgruppen. Genauer gesagt schien der magische Faktor 2 den Unterschied auszumachen. Waren sexuell-relationale Begriffe in der Mehrzahl ,so handelte es sich meist um eine obsessive sexuelle Leidenschaft. Dennoch darf obsessive sexuelle Leidenschaft nicht automatisch mit einer sexuelle Zwanghaftigkeit oder Sexsucht verwechselt werden. Auch wenn die Gefühle während dem Geschlechtsverkehr zwar häufig eher negativ sind, führt diese Form nicht zu derartigen Problemen.

Die Gemeinsamkeiten

Trotz der deutlichen Unterschiede gibt es zwischen harmonisch und obsessiven sexuellen Leidenschaften auch Ähnlichkeiten. Besonders dann, wenn es um das sexuelle Verlangen geht. Laut Forschern ist das eine wirklich wichtige Entdeckung, da Menschen mit einer ausgeprägten Soziosexualität häufig stigmatisiert werden. Möglicherweise liegt das daran, dass sie offener für spontanen Geschlechtsverkehr sind oder öfter über sexuelle Fantasien nachdenken. Die Studienergebnisse deuten allerdings darauf hin, dass Soziosexualität nicht das Problem ist, sondern viel mehr die Art und Weise wie sie in das Leben integriert wird. Anstatt der kulturellen Besessenheit für möglichst perfekten Sex nachzueifern, sollte also mehr Toleranz herrschen und Menschen geholfen werden, ihre sexuellen Bedürfnisse zu verstehen und in einer Art und Weise auszuleben, die Freude und Befriedigung in allen Lebensbereichen bringt.