Gesundheit

Studie: Stress wird über Spermien an die nächste Generation weitergegeben

Laut einer aktuellen Studie können Kindheits-Traumata im Sperma von Männern nachgewiesen werden/ Bild: Fotolia
Studie: Stress wird über Spermien an die nächste Generation weitergegeben
Paulin Klärner

Kindheits-Traumata haben laut zahlreichen Studien und Experten-Meinungen einen enormen Einfluss auf die seelische und körperliche Gesundheit von Menschen. So wirkt sich psychischer Stress, der in frühen Kindheitstagen erlebt wurde, langfristig auf den Organismus aus. Laut einer aktuellen Studie eines amerikanischen Wissenschaftlers können traumatische Erfahrungen sogar im Sperma von Männern nachgewiesen und damit auch an Nachkommen weitergegeben werden. Die viel beachtete Studie des Neurowissenschaftlers Larry A. Feig der Sackler School of Graduate Biomedical Sciences in Boston wurde im Fachblatt „Transnational Psychiatry“ veröffentlicht.

Mäuse- und Menschen-Sperma unter Stress

Bevor menschliches Sperma untersucht wurde, beschäftigten sich Dr. Feig und sein Team mit dem Erbgut männlicher Mäuse. Hierbei wurde untersucht, wie sich Stresssituationen über längere Zeit auf die Gesundheit der Mäuseriche auswirkten. Dabei konzentrierte man sich auf die sogenannten „MicroRNA“s, kleine Moleküle die sich – neben der DNA – im Sperma befinden und die bei der Aktivierung und Deaktivierung von Genen eine Rolle spielen.

Umwelteinflüsse können Gene beeinflussen

Fakt ist, dass Verhaltens- und Persönlichkeitsmerkmale über Gene an den Nachwuchs weitergegeben werden können – allerdings weiß man mittlerweile auch, dass Organismen durch Umwelteinflüsse bestimmte Gene aktivieren und deaktivieren können. Dies fällt in den biologischen Bereich der „Epigenetik“, in dem man sich damit beschäftigt, wie Lebensumstände zu Veränderungen von Gen-Aktivitäten führen können. Was bedeutet das nun für die Mäuse (und wahrscheinlich auch für uns Menschen)? Anhaltende Stresssituationen – im Experiment wurden die Mäuse durch ständig wechselnde Käfig-Mitbewohner auf Trab gehalten – führten zu einer Reduktion der MicroRNAs, also zu einer Deaktivierung gewisser Moleküle, im Sperma. Außerdem beobachteten die Wissenschaftler bei den gestressten Mäusen Angststörungen und ein beeinträchtigtes Sozialverhalten, das über mehrere Generationen weitergegeben wurde. Gestresste Mäuse-Väter zeugten demnach Töchter, die ängstlicher und unsozialer waren und gestresste Söhne, die wiederum erneut ängstliche Töchter zeugten.

Wie sieht es bei uns Menschen aus?

Um herauszufinden, ob man diese Erkenntnisse auch auf uns Menschen ummünzen kann, also ob sich Stress auch im Sperma von menschlichen männlichen Probanden nachweisen lässt, befragte das Forscher-Team einer Gruppe von Männern zu ihrer Kindheit. 28 Samenspender einer Fruchtbarkeitsklinik in den USA wurden gebeten einen im Rahmen der Studie „Adverse Childhood Experience Study“ entwickelten Fragebogen auszufüllen, um den Grad an „abusive and/or dysfunctional family experiences“, also die Wahrscheinlichkeit für psychische Störungen durch Kindheitstraumata, festzustellen. Die Ergebnisse: Die Forscher fanden einen statistisch relevanten Zusammenhang zwischen den ACE-Scores, also nachweisbaren Folgen von Traumata, und der Reduktion der MicroRNAs miR-449 und 34 im Sperma der Probanden – dieselben Moleküle, die auch im Erbgut der gestressten Mäuse reduziert waren.

Was bringt diese Studie?

Die Forscher erhoffen sich durch die Tatsache, vergangene extreme Stresssituationen im Sperma nachweisen zu können, eine weitere Möglichkeit, Traumata früh zu erkennen und folglich besser behandeln zu können. Außerdem möchten Wissenschaftler in Zukunft Versuche starten, in denen bestimmte microRNA’s geboostet werden, um die Folgen von traumatischen Kindheitserfahrungen in den Genen auszulöschen und damit zu verhindern, dass jene an die nächste Generation weitergegeben werden.

Die enormen Folgen von Kindheits-Traumata

Die Studie richtet den Fokus auch erneut auf die Tatsache, wie extreme Stresssituationen in der Kindheit das weitere Leben beeinflussen. Häusliche Gewalt, Vernachlässigung, sexuelle Übergriffe, der Verlust eines Elternteils – solche und ähnliche Traumata zu verarbeiten, ist ohne Hilfe für ein sich entwickelndes Wesen fast unmöglich. Deshalb kann auch nicht oft genug betont werden kann, welch eine enorme Verantwortung es ist, ein Kind in diese Welt zu setzen und dass es an uns ist, ein gesellschaftliches System zu forcieren, in dem Kindern in Ausnahmesituationen ganz selbstverständlich eine professionelle Aufarbeitung von Traumata bereitgestellt werden kann.