To the Bone: Die problematische Darstellung einer Essstörung

Kaum hat sich die Aufregung um "13 Reasons Why" gelegt, behandelt Netflix mit "To the Bone" ein weiteres Tabuthema ! /Bild: Fotolia
To the Bone: Die problematische Darstellung einer Essstörung
Catharina Kaiser

Gerade als sich die Diskussionen rund um die Serie „13 Reasons Why“ etwas gelegt haben, biegt Netflix gleich mit dem nächsten „Skandal“-Film namens „To the Bone“ um die Ecke. Erneut wird ein Tabuthema aufgegriffen, dass vor allem junge Menschen betrifft. Nach Suizid ist es dieses mal die Magersucht, oder Essstörungen im Allgemeinen – und wieder scheinen die Produzenten mit dieser problematischen Thematik für reichlich Zündstoff zu sorgen. Denn wie bereits bei „13 Reasons Why“ kritisiert wurde, scheinen die Darstellungen von Magersucht, oder wie zuvor Selbstmord, nicht der „Wahrheit“ zu entsprechen.

Über Essstörungen sprechen

Über Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie spricht kaum jemand, oder zumindest versucht man das Thema meist zu vermeiden. Allerdings ist dieses Totschweigen sowohl für Erkrankte als auch Angehörige von Betroffenen gefährlich. Und Essstörungen sind bei weitem keine „Frauensache“, wie es nach wie vor gerne behauptet wird. Erhebungen zufolge leidet jedes dritte Mädchen und jeder fünfte Junge zwischen 11 und 17 Jahren an einer Form von Essstörung. Auch Diäten, die teils sehr radikal sind, fallen natürlich in diese Kategorie. Besonders erschreckend ist dabei die Tatsache, dass die Betroffenen immer jünger werden. Dass dieses Thema, genau so wie Suizid, offen angesprochen werden muss, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, ist folglich ein Muss. Die Frage ist nur, wie das am besten umgesetzt wird. Um junge Menschen effektiv erreichen zu können, braucht es dementsprechend neue Wege. Durch Blogs, via Facebook oder eben in Filmen. Eine Aufgabe der sich Netflix offensichtlich angenommen hat, wenn auch nicht unbedingt mit dem gewünschten Erfolg. So ist die Intention zwar durchaus positiv, doch in manchen Punkten mangelt es schlichtweg an Fingerspitzengefühl, was laut Experten zu Nachahmungen führen könnte.

Die Rolle der Medien

Die Gründe für Essstörungen sind unglaublich vielfältig und keinesfalls immer klar erkennbar. Traumatische Erlebnisse, Depressionen oder der Wunsch, den stark mit Photoshop bearbeiteten Covergirls zu ähneln sind nur einige wenige potenzielle Auslöser. Doch vor allem letzterer wird bei Psychologen stark diskutiert. Denn der mediale Einfluss auf junge Menschen scheint noch immer unterschätzt zu werden. Shows wie „Germanys Next Topmodel“ sind dabei natürlich alles andere als ein positiver Einfluss. So gaben im Rahmen einer Studie des Zentralinstituts für Jugend- und Bildungsfernsehen rund ein Drittel der Befragten an, dass die Show Einfluss auf ihr Essverhalten hatte. Das Thema nun direkt anzusprechen und Menschen in ihrem Kampf gegen Essstörungen zu erleben, kann aber ebenso nach hinten losgehen und zu Nachahmungen führen. Das soll laut Dr. Bernhard Osen, Chefarzt der Schön Klinik Bad Bramstedt, vor allem bei „To the Bone“ der Fall sein und auch die britische Organisation für Essstörungen namens Beat ist hier ähnlicher Ansicht. „Wir würden jeder Person, die ein Risiko für eine Essstörung aufweist, davon abraten diesen Film zu sehen“, lautet es in einem Statement von Beat. Grund dafür ist, dass viele junge Menschen Vorbilder suchen, mit denen sie sich identifizieren können. Und mit Ellen, gespielt von Lily Collins, scheint ein solches vermeintliches „Vorbild“ gegeben zu sein. Ihre Rolle ist cool, schlagfertig, künstlerisch talentiert und das alles trotz der schweren Essstörung. Selbst die körperlichen Folgen, nämlich ein dichter Flaum, der sich aus Schutz über den ganzen Körper gebildet hat, oder die blauen Flecken durch exzessiven Sport, scheinen ihrem Aussehen nichts abzutun. Eine höchst problematische Inszenierung. Dass sich der einzige Typ in der Klinik ausgerechnet in sie verliebt, macht die Sache natürlich nicht besser. Doch diese Erzählweise ist wohl dem klassischen Hollywoodkino zu verdanken.

Fazit

Um alle Ursachen und Krankheitsverläufe von Essstörungen adäquat darstellen zu können, braucht es leider etwas mehr als einen Film und vor allem länger als die 107 Minuten Spielfilmlänge von „To the Bone“. Denn die Auslöser sind ebenso vielseitig wie der Verlauf einer solchen Erkrankung. Zudem sollte ein Film über Magersucht keinesfalls zu eine Glorifizierung der Krankheit führen, sondern abschreckend und beängstigend sein. Vereinfacht gesagt: Junge Menschen sollten von den Darstellungen erschrocken sein, anstatt ein neues „Vorbild“ zu entdecken. Allerdings muss in diesem Hinblick bedacht werden, dass viele komplexe Faktoren bei der Entstehung einer Essstörung beteiligt sind. Es auf das Betrachten von dünnen Frauen und Models herunterzubrechen ist etwas zu trivial. Eines der Hauptprobleme ist vor allem das mangelnde Verständnis um den Einfluss sozialer und kultureller Faktoren, die das Essverhalten beeinflussen können. Ebenso wird der Zusammenhang zwischen der kulturellen Konstruktion von „Weiblichkeit“ und dem Risiko für eine Essstörung noch immer marginalisiert. Auch wenn „To the Bone“ sowohl in seiner Inszenierung als auch hinsichtlich der Narration als problematisch bezeichnet werden kann, so ist Netflix doch zumindest ein Teilerfolg gelungen: Denn das Tabuthema wurde aufgebrochen, und die Massen beginnen bewusst darüber zu sprechen.